Die Midlife – Krise des Mannes aus der Sicht der TCM und ihre therapeutische Begleitung mit Westlichen Kräutern - Dr. Thomas Gefaell

Die Midlife – Krise des Mannes aus der Sicht der TCM und ihre therapeutische Begleitung mit Westlichen Kräutern

Gepostet am Jul 10, 2015


Dieser Artikel entstammt eigener Erfahrung und Daoistischer Einsicht.

Im alten China teilte man die Entwicklung des männlichen Wesens in 8-Jahreszyklen ein. 8, 16, 24, 32, 40, 48, 56, 64 (…will you still need me, will you still feed me when I´m sixty four…The Beatles ), 72, 80 usw. Üblicherweise sprechen wir bei dieser Betrachtung den 6. Jing- Zyklus zwischen 40-48 Lebensjahren an. Plus Minus. Silvio Berlusconi ist in seinen 70igern immer noch mitten drin.

Da Männer seltenst dazu erzogen werden, über sich selbst zu reflektieren, kommt es in dieser Phase des Männerlebens häufig zu psychosomatischen Symptombildern, von denen Burn Out, Depression, Schlafstörungen, Erektile Dysfunktion, Impotenz, Beziehungsprobleme, Drogenabusus nur ein kleiner Ausschnitt sind. Aber es lohnt sich, da genauer hinzuschauen!

„Mit 40 beginnt das Nieren Qi zu welken, die Zähne werden locker, und das Haar beginnt auszufallen“, steht im „Huang Di Nei Jing“ – Um die 40 hat jeder Mann bereits 50% seiner Essenz verbraucht.

Die Essenz Jing ist einer der 3 Schätze San Bao: Jing – Qi – Shen. Mit westlichen Augen kann man diese als eine Art genetische Blaupause betrachten, welche uns von Mutter und Vater vererbt wurde und in welcher die gesamte Humanenergetik unserer Ahnen gespeichert ist. Jing ist ein Fixum, das heißt, sie verbraucht sich kontinuierlich vom ersten Atemzug in diesem Leben bis hin zum letzen. Und sie kann weder ergänzt noch aufgefüllt werden. Ist sie verbraucht, sterben wir. Das klingt traurig aber es ist so!

Um die 40 läuft das energetisch, psychologische Momentum des Mannes noch genauso, wie in den Jahren davor. Kräftig, aktiv, Yang eben. Das Motoröl ist aber nur noch zur Hälfte vorhanden. Und nun läuft Mann Gefahr, den Motor zu überhitzen und einen Kolbenreiber zu provozieren.

Viele Männer heute tun das leider. Ich selbst gehörte auch dazu. Wir wurden und werden immer noch steinzeitalterlich erzogen. Als Jäger, Macher, die Starken, die Arterhalter, Besitz, Prestige, Einfluss. Frauen sind keine Partner, sondern man hat eine ( oder mehrere – was allerdings für den Verbrauch von Essenz nicht förderlich ist ). Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, usw.

Jedoch liegt in dieser Identitätskrise (ein Terminus unserer westlichen Zivilisationsgesellschaft) auch eine große Chance, nämlich die eines absolut natürlichen wie auch notwendigen Bewußtseinswandels.

In der Chinesischen Tradition gibt es einen sehr weisen Spruch: „Segne jede Krankheit dafür, dass sie dich noch nicht umgebracht hat, sondern dir zeigt, dass du auf dem falschen Weg bist“

Was sind nun die psychophysischen „Wehwehchen“, auf die wir Männer im Innen lauschen sollten, damit sie nicht zu handfesten Dysbalancen, sprich Erkrankungen ausarten. Nun einfach gesagt, nachdem Männer dieses Alters zumeist glauben, sie wären noch 30 und somit auch dieses Tempo fahren, beginnen sie ihre psychologische Identität zu verlieren und damit auch den Zugang zum Hier und Jetzt! Es fällt eine zunehmende innere Unruhe auf, die – TCMlike gedacht – auf einen unruhigen, nicht verankerten Shen hinweist. Erinnern wir uns: Shen ist eines der San Bao und steht für Geist, Spirit, Charisma eines Menschen. Diese „Substanz“ ruht nach alter Ansicht im Herzen jedes Menschen und ist daher von Herzblut als auch Herzqi abhängig. Das Blut allerdings, das man sowohl als eine Fraktion von Essenz, als auch von Yin erachten kann, ist schon „angenagt“, weil sich die Essenz ja schon halbiert hat. Jing Xue Tong Yuan ist ein klassisches Statement und bedeutet, dass Essenz und Blut eine gemeinsame Quelle haben. Alleine aufgrund des daraus sich ableitenden Herzblutmangels kann sich Shen nicht verankern. Und da wir Männer mit Selbstreflexion nicht so viel „am Kasten“ haben, gehen wir mit unserem Bewusstsein nach Außen und suchen….weitere Herausforderungen, junge Frauen, Bestätigung der Gesellschaft usw. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn all diese Aktivitäten fördern den Verbrauch von Essenz und Blut und verschlimmern so die Situation.

Die Gesundheit ist in der chinesischen Medizin (TCM) kein dauerhafter Zustand. Sie ist vielmehr das Ergebnis des sorgfältigen Verwaltens der eigenen Ressourcen.

In Asien wird das Alter zwischen 48 und 72 Jahren als eine Periode des vorausschauenden Verwaltens gesehen. In den ersten acht Jahren (48 – 56) sollte man versuchen, die Aktivität auf den eigenen Körper zu konzentrieren. In den zweiten acht Jahren (56 – 64) steht das Auseinandersetzen mit dem Leben und die Vorbereitung der Zeit nach der beruflichen Tätigkeit im Vordergrund. Im dritten Abschnitt (64 – 72) hat die Pflege der körperlichen Reserven und die Aufrechterhaltung der Funktionssysteme absolute Priorität.

Und nun ein sidestep! Was, wenn der Mann ab 40 tatsächlich ein Wahrheitssucher ist, die physiologischen Gegebenheiten wahrnimmt und anerkennt. Dann könnte Folgendes passieren: Jing kann zwar nicht erneuert werden jedoch können QI/Shen übernehmen. Falls sie wirklich gepflegt werden! Und das bedeutet in den meisten Fällen eine einschneidende Lebensveränderung. Hierin liegt der Geburtspunkt jener Chance, die in der Krise versteckt liegt. Denn die midlife – Krise besagt ja nicht zwingend, dass ab nun der männliche Abstieg programmiert ist.

Ein paar Gedanken zur Pflege von Qi und Shen:

Wenn Du es eilig hast setze Dich –– Regelmäßige Einkehr, Stille, Meditation und Selbstreflektion – Vegane Ernährung! Sie ist letztlich die gesündeste, die wir derzeit kennen – Ausreichend gute körperliche Bewegung wie Yoga, QI Gong, Laufen, Radfahren, Schwimmen und unterstützende Kräutermedizin: „Shenmen´s Kräutergeheimnisse“ ( siehe dort ) sind das Ergebnis jahrzehntelangen Studiums der Chinesischen Heilkunde sowie eigener Erfahrung aus der Praxis.

Shenmen´s Kräutergeheimnisse ( Prelude )

Da ich ein alter Schüler von Jeremy Ross bin und mich auch dazu bekenne, liegt es auf der Hand, dass viele Inspirationen im Bereich meiner Arbeit mit Menschen auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit wurzeln. Deshalb, weil er für mich schlichtweg DER Pionier für „ Westliche Kräuter in der Chinesischen Medizin“ ist.

Die „4 Prinzipien der Behandlung“:

Störung erfordert Beruhigung – Übermaß erfordert Abfließen lassen – Stagnation erfordert Bewegung – Mangel erfordert Tonisieren. Das Herz Xin ist der Chef aller Organe! Oder wie die Alten Chinesen sagen, der Kaiser! Aus der Sicht des Kaisers also….

Der Kaiser ist Feuer! Ming Men! Das Feuer des Lebens. Gespeichert in einem „Zinnoberfeld“ zwischen beiden Nieren. Shen. Die Mutter und energetische Trägerin aller 0rgane. Der Yin Anteil der sogenannten ShaoYin-Achse. Behalten Sie das immer in Erinnerung! Der Kaiser = Herz = Xin = Feuer = Yang wurzelt in seiner Mutter, den Nieren = Shen = Wasser = Yin !!! Die Shao Yin Achse ist in der Tiefe die vorletzte Energieschichte ( von 6 ) unseres Seins. Hier geht es um den ungetrübten Fluss zwischen oben und unten, zwischen Yin und Yang, zwischen Wurzel und Zweig, zwischen Materie und Geist, also der Harmonie zwischen Feuer und Wasser. Der Chef erfüllt seine Aufgabe nur dann glorreich, wenn ihm seine Mama guten Background gibt. Aber die Mama ist müde! Sie hat nur noch 50% Energie. Also muss Shen erwachsen werden!! Wie aber? Aus einem Mangel an Freude und emotionaler Wärme; aus Traurigkeit, Einsamkeit, Schwierigkeiten in Beziehungen zu kommunizieren, Angst, Hysterie, Panik, Gier und Manie wieder zurück in die Urkraft des Mannes. Yang eben. Im Gegensatz zur Yinbetonung von Jing, der Essenz. Shen und Jing, durchzogen und bewegt vom allgegenwärtigen Qi. Die San Bao also!
Wenn wir nun von der Entwicklung und Kultivierung des Shen sprechen, müssen wir uns natürlich auch die Fallen ansehen, in die Shen torkeln kann. Diese sind: Mangelndes Qi (Yang), mangelnde Wärme; stagnierendes Qi, übermäßiges Feuer, Shen-Verwirrung! Dazu passend ein Zitat Paramahansa Yoganandas: „ Wenn ihr im Göttlichen Bewusstsein verankert seid… werdet ihr über Eure eigenen Gewohnheiten lächeln, dann werden eure besonderen Charaktereigenschaften euch in höchstem Maß belustigen, so als ob ihr vom Balkon der Innenschau auf euch selbst herabblickt und euch im Film des Lebens mitwirken seht.“

Weiter mit den 5 ( eigentlich 6 ) Geschmacksrichtungen: Bitter – Sauer, Zusammenziehend – Süß – Aromatisch – Scharf – Neutral und Fade. Diese sind für die Auswahl einer Kräuterrezeptur genauso wichtig, wie die thermischen Eigenschaften Heiß – Warm – Neutral – Kühl und Kalt sowie auch die Affinität zu den einzelnen Funktionskreisen.

Jetzt ist es an der Zeit, einen Begriff aus der modernen Medizin einzubringen. Auch Modernes ist ein Teil des Großen Tao! Die Adaptogene!

Adaptogene sind Substanzen die – altchinesisch gesprochen – primär die Harmonie zwischen Yin und Yang wieder provozieren. Sie befähigen – modern ausgedrückt – den Organismus, zu adaptieren. Sie bedingen Flexibilität gegenüber dem Chaos im Außen. Adaptogene spielen in meiner Arbeit, welche ich gerne als Shenmedizin bezeichne, eine wichtige Rolle! Rhodiola rosea, Rosenwurz, aber auch Glycyrrhiza glabra, Süßholz oder Lakritze sind oft wichtige Bestandteile meiner Rezepturen. Diese erstelle ich grundsätzlich immer individuell! Das bringt mir als Arzt zwar nicht so viel Geld ein, ist aber für den Patienten wesentlich zielführender!

Zum Abschluss dieser Betrachtungen nun noch ein Beispiel als Inspirationen zur Erstellung einer Kräutermedizin.

Mann, 45, Hauptsymptome: Innere Unruhe, Leber und Nieren Yin Mangel, verwirrter Shen; Auffälligkeiten und zusätzliche Befunde: er wirkt gestresst, die Augen bewegen sich rasch, spricht schnell, Puls dünn und seitenförmig, Zunge weicht etwas zur Seite ab, zittrig, ZGV. Eine Standardsituation!

GAN SHEN TONG YUAN! Leber und Niere haben dieselbe Quelle. Ich kann also dieses Bild über mehrere Ansätze behandeln und zwar über Leber, über Niere, über Blut bzw. über Shen. Hier eine Möglichkeit:

Rhodiola1.5 – Salvia off.1.5 – Salvia milt.1 – Ruta grav.1 – Artemisia abs.1 – Valeriana1 – Avena1 – Citrus aur.0.5

Rhodiola rosea, Rosenwurz ist in diesem Fall der Kaiser, da es ein wunderbares Kraut für alle Symptombilder ist, die einen Menschen „nervlich angekratzt“ erscheinen lassen. Es ist thermisch kühl, vom Geschmack her sauer-adstringierend ( somit verhindert es ein Auslaufen des Qi ) und von der Affinität wirkt es auf Lu, He, Le, Nervensystem, Gehirn, Rm! Multitasking sozusagen! Heimischer und chinesischer Salbei in Kombination als Minister dienen der Blutversorgung. Sie nähren, bewegen und kühlen das Blut, dienen somit dem Yin. Ruta bewegt Qi, kräftigt die Nieren und harmonisiert den Shen. Außerdem beruhigt es lt. Culpepper auch den Sexualtrieb, der erfahrungsgemäß bei Männern mit dieser Symptomatik noch erhöht ist. Artemisia abs., Wermut entspannt die Leber. In seiner Wirkung ähnelt es dem chinesischen Chaihu. Wenn ich Blut nähre und bewege, muss ich danach trachten, die Leber offen zu halten, da sie ja auch der große Blutspeicher ist. Ruta graveolens, Weinraute wird unterstützt von Valeriana, Baldrian. Dieses kühlt He und Le und nimmt damit den heißen Wind (Leere-Hitze) aus diesen Systemen, der sich ja bei der Diagnostik schon in der zittrigen und abweichenden Zunge gezeigt hat. Außerdem beruhigt es den Shen und verhilft in Kombination mit der Blutnährung wieder zu ruhigerem Schlaf! Den braucht unser Mann, um sein Yin zu pflegen! Avena, Hafer tonisiert Mi-, He- und Ni Qi und zwar den Yin Aspekt dieser Funktionskreise. Es ähnelt dem chinesischen Tai Zi Shen, Pseudostellaria nur dass der Hafer auch die Nieren kräftigt. Er ist ein wunderbares Tonikum für midlife-Erschöpfungszustände, Depressionen inkludiert. Und zuletzt noch Citrus aurantii in halber Dosierung (da er scharf ist, muss ich wegen der Yinschwäche aufpassen). Er tonisiert und bewegt das Mi Qi, räumt Schleimbildungen aus dem Weg und ist im wahrsten Sinne des Wortes herzerfrischend.

Sie erkennen an diesen Ausführungen, wie vielschichtig diese Thematik ist. Der Therapeut muss sich daher die Zeit nehmen und die einzelnen Aspekte gegeneinander abwägen. Was ist JETZT vonnöten? Wie kann ich dem Patienten RASCH zu einer Erleichterung seines Befindens verhelfen? Schritt für Schritt. Mit einer 500ml Kräutertinktur kommt Mann üblicherweise 4-5 Wochen aus. Eine erste Kräuterkur sozusagen. Dann sollten gute 2 Wochen Einnahmepause stattfinden. Und nach 7-8 Wochen sitzt uns unser Mann wieder gegenüber und wir müssen herausfinden, was sich geändert hat, was noch nicht Richtung Harmoniesierung von Yin/Yang geht, was stabilisiert werden muss, usw.
Mit einer einzigen Kräutermischung werden wir höchstwahrscheinlich eine Erleichterung des Befindens bewirkt haben. Die Wahrheit ist aber, dass unser Patient mindestens über einen Zeitraum von 6-8 Monaten auf diesem Weg behandelt werden muss. Vorausgesetzt, er hält auch andere Strategien ein, die dafür dienlich sind, ihn in seiner Innen/Aussenharmonie zu verankern.
Die Chance, eine positive Veränderung auf diesem Weg herbeizuführen, ist gross. Und Mann sollte sie nutzen!